Der Home Bias – ist die weltweite Aktienanlage wirklich ratsam?

„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ – oder etwas wissenschaftlicher: „Menschen lehnen ein Risiko eher ab, wenn sie die jeweilige Situation nicht einschätzen können bzw. die relevanten Einflussfaktoren nicht kennen“ (O. Schulz, R.v.Nitzsch, 2005). Auf das Anlageverhalten bezogen bedeutet dies, dass Privatanleger dazu neigen, eher heimische Aktien oder Indizes zu kaufen als weltweit zu investieren. Da theoretisch eine Verteilung der Anlagesumme auf eine Vielzahl von Märkten eine höhere Rendite erbringen müsste, scheinen Anleger, die zum Beispiel ausschließlich in den DAX investieren, einen strategischen Fehler zu begehen. Aber ist dies auch in der Realität so?

Die Autoren Grauer/Hakansson zeigen zum Beispiel für einen US-Investor, dass ein internationales Portfolio eine um 2,8 Prozent höhere Rendite ohne größeres Risiko erbracht hätte, während eine andere Untersuchung keinen Vorteil erbrachte (Sinquefield, 1996). „Aus Sicht eines deutschen Investors untersuchen Maurer/Mertz (2000) und Gerke u. a. (2005) die Vorteilhaftigkeit einer internationalen Diversifikation und belegen mit optimierten Portfoliostrategien ein zusätzliches Renditepotential“ (aus O. Schulz, R.v.Nitzsch). So ganz überzeugend hören sich die Untersuchungen jedoch nicht an. Aus diesem Grund ist der Verfasser nicht mit wissenschaftlicher Akribie, aber dennoch systematisch aus Sicht des Privatanlegers dem Phänomen des Home Bias nachgegangen.

Warum sollten Privatanleger eine weltweite Aktienauswahl treffen?

Ein Privatanleger könnte folgende Überlegungen anstellen: Die im DAX vertretenen Unternehmen haben allesamt internationale Geschäftsbeziehungen und sind teilweise in erheblichem Umfang im Export tätig, das heißt auch mit einem nationalen, deutschen Portfolio ist eine weltweite Streuung gegeben. Des weiteren gehört Deutschland zu den stärksten Wirtschaftsnationen der Welt, stellt eine stabile Demokratie mit hoher Rechtssicherheit dar, wodurch das Länderrisiko begrenzt ist. Zu guter Letzt besteht auch kein zusätzliches Wechselkursrisiko. Warum soll der Privatanleger also eine weltweite Aktienauswahl treffen?

Um festzustellen ob Renditeunterschiede zwischen der weltweiten und regionalen Aktienanlage nachweisbar sind, erfolgte der Vergleich von sieben Aktienfonds, die weltweit in Standardwerte investieren, und sieben Aktienfonds, die nur Standardwerte aus Deutschland kaufen. Um eine Zeitreihe des Vergleichs zu ermöglichen, müssen die Fonds mindestens 15 Jahre am Markt sein. Da es mehr deutsche als weltweit nach den geforderten Kriterien anlegende Fonds gibt, wurde bei den Deutschlandfonds jeder dritte Fonds aus der Fondssuche ausgewählt. Zum Vergleich kamen Zehnjahreszeiträume, beginnend im Januar 1997. Das heißt, der erste Zeitraum umfasst die Jahre  Januar 1997 bis Januar 2007 und der letzte Zeitraum die Jahre Januar 2003 bis Januar .2013. Die absolute Wertentwicklung in Euro, auf der Basis eines Anlagebetrages von 10.000 Euro, wird somit für sieben Zehnjahreszeiträume (Beginn 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003) ermittelt. Um individuelle Unterschiede bei den Fonds zu nivellieren, werden nur die Mittelwerte miteinander verglichen. Ein weiterer Vergleichswert ist die prozentuale jährliche Wertentwicklung der weltweiten und der nationalen Fonds.

Das Ergebnis: kein Nachteil durch Home Bias – im Gegenteil

Das Ergebnis ist für die Anhänger des Home Bias ernüchternd. In keinem der sieben Zehnjahreszeiträume konnten die weltweiten Fonds die nationale Anlagestrategie übertreffen.

Vergleich von sieben weltweit anlegenden Fonds mit sieben in deutsche Standardwerte investierenden Fonds (Durchschnittliche Wertentwicklung in Zehnjahreszeiträumen, Standardwerte, Anlagesumme 10.000 Euro)

In allen Zehnjahreszeiträumen sind die Unterschiede sehr ausgeprägt und spiegeln sich auch in der jährlichen Rendite wider.

Durchschnittliche jährliche Rendite aus den Mittelwerten von sieben weltweit anlegenden Fonds und sieben Deutschlandfonds (Standardwerte) in sieben Zehnjahreszeiträumen (Beginn: 1997, 1998 …, 2003)

Der durchschnittliche Renditevorteil pro Jahr beläuft sich bei der nationalen Ausrichtung auf rund 3,4 Prozent  über alle analysierten Zeiträume. Die größte Differenz ergibt sich in der Zeitspanne von Januar 2003 bis Januar 2013. Hier liegt der Renditeunterschied bei 5,27 Prozent pro Jahr.

Aus dieser kleinen Untersuchung lässt sich aus Sicht des Autors folgern, dass sich deutsche Anleger sehr gut überlegen sollen, ob sie tatsächlich Anteile eines weltweit investierenden Aktienfonds erwerben oder doch lieber bei den deutschen Standardwerten bleiben. Die rückschauende Untersuchung ergibt zumindest einen klaren Renditevorteil für die Anlage in deutsche Standardwerte.

4 Kommentare

  1. Eine höhere durchschnittliche Rendite ist ja schön und gut. Diese Rendite muss aber auch irgendwo her kommen. Sprich, wie hoch war das eingegangene Risiko? Z.B. messbar duch die Volatilität. Wurden unterschiedliche Gewichtungen der Asset-Klassen gewählt (Value, Small Cap)? Ohne diese Vergleiche ist die Untersuchung meiner Meinung nach sinnlos. Ansonsten könnte man ja auch behaupten, dass eine “100% Value-Micro-Cap Bias” oder so, die bessere Anlagestrategie wäre. Die Risikominimierung durch Diversifikationseffekte wird aber völlig außer Acht gelassen.

  2. Die “Untersuchung” ist interessant, weist aber sicherlich die eine oder andere methodische Schwäche auf.

    Es geht los bei der einseitigen Betrachtung des Renditevorteils. Dessen Interpretation sollte unbedingt risikoadjustiert erfolgen, sprich: Angaben zur Volatilität dürfen nicht fehlen.

    Ein Weltportfolio macht vor allem aufgrund des Diversifikationseffekts Sinn. Der Börsenwert deutscher Unternehmen macht – gemessen an der weltweiten Marktkapitalisierung – lediglich 3-4% aus. Exportstärke hin oder her…
    Um spezifischen Risiken (Branchen-, Regionen- und Einzelwertrisiko) weitestgehend zu eliminieren, führt an der Investition in den gesamten Aktienmarkt (= weltweit) kein Weg vorbei.
    Desweiteren wäre es interessant zu erfahren, um welche Art Fonds es sich in dieser Untersuchung handelt? Aktiv gemanagte, Indexfonds (nicht börsengehandelt) oder ETFs?
    Nach welchen Kriterien wurden die einzelnen Fonds ausgewählt? Warum werden die Kandidaten nicht beim Namen genannt?
    So schwingt ein wenig der Verdacht mit, das Ergebnis stand schon vor Durchführung des Vergleichs fest…

  3. Lobenswert, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Allerdings wird der eigentliche Mehrwert der Diversifikation, Risikosenkung, gar nicht analysiert. Die Ergebnisse beim Renditevergleich halte ich für reinen Zufall. Zum einen funken die aktiven Entscheidungen der aktiven Portfolios rein, zum anderen ist das Ergebnis je nach Zeitraum unterschiedlich. Und drittens handelt es sich um eine Vergangenheitsbetrachtung.
    Ich halte internationale Diversifikation auf entwickelte Länder für sinnvoll und empfehlenswert, auch langfristig. Ganz besonders zukünftig, wo doch die Rahmenbedingungen nicht mehr vom Markt sondern von Politikern gemacht werden, deren Interessen sich je nach Wirtschaftsraum stärker unterscheiden als freie Märkte. Aber das alles bitte nur zu den Kosten eines ETF.

  4. Ob eine Risikosenkung durch die Beimischung internationaler Aktien, Fonds oder Indizes erreicht werden kann, ist genau die Frage vor der ein Anleger steht. Die Betrachtung der Vergangenheit kann zumindest als Hilfe für zukünftige Anlageentscheidungen herangezogen werden. Die Ausgangsfrage der kleinen, nicht repräsentativen Studie war „Wenn die Internationalisierung des Portfolios zur Risikominderung beiträgt, muss sich dies auch für den Privatanleger nachweisen lassen“. Was macht ein Privatanleger, der den internationalisierten Ansatz verfolgen möchte? Er schaut z.B. nach einem Indexfonds. Meines Wissens gibt es einen replizierenden Indexfonds auf den MSCI World erst seit 2009 (ishares) und dann auch nur auf Basis des US-Dollars. Da der Privatanleger sinnvollerweise einen längeren Anlagehorizont anstrebt – ich gehe von zehn Jahren aus -, fällt eine Betrachtung des Indexfonds für die oben aufgeführte Fragestellung aus. Was bleibt? Da es eine Reihe von Fonds gibt, die schon mehr als 15 Jahr den Ansatz verfolgen, weltweit in blue chips anzulegen, könnten diese Fonds für eine Wertanalyse herangezogen werden. Um dem Zufall zu reduzieren, wurden sieben Fonds ausgewählt (es gibt kaum mehr Fonds, welche die Kriterien „weltweit“, „large caps“, „mehr als 15 Jahre am Markt erfüllen). Dies sind dies Amundi Fonds (972095), AXA WF II (971791), Fondis (847102), HSBC GIF (974462), Investec GSF (A0QYD5), MFS Meridian (A0eSA0) und Robeco (970259). Dem gegenüber gestellt wurden Fonds, die in deutsche Standardwerte investieren und ebenfalls mehr als 15 Jahre am Markt sind. Da die Zahl der in Frage kommenden Fonds größer ist, wurde einfach jeder dritte Fonds ausgewählt, um so subjektive Vorlieben auszuschließen. Die Fonds sind: AL Trust Deutschland (847160), Allianz Verm. Deutschland (847506), Deka Lux. Deutschland (974587), Dexia Germany (987089), DWS Investa (847400), HSBS German Equity (849980) und MEAG ProInvest (975411).
    Werden für die gewählten 10 Jahreszeiträume zu den durchschnittlichen Renditen der genannten Fonds die Standardabweichungen berechnet, so ergibt sich immer eine wesentlich höhere Abweichung bei den internationalen Fonds, als bei den in deutsche Standardaktien investierenden Fonds. Die durchschnittliche Standardabweichung, bezogen auf die gemittelte jährliche Wertentwicklung, betrug bei den internationalen Fonds 2,18 und bei den deutschen Fonds 0,64. Dieser deutliche Schwankungsunterschied ist aus meiner Sicht leicht erklärbar. Die Fonds, die in deutsche Standardwerte investieren, verfügen nur über einen geringen individuellen Spielraum und orientieren sich somit hauptsächlich an den DAX-Werten, gepaart vielleicht mit Unternehmen aus dem MDAX. Die internationalen Fonds können sich dagegen aus einem riesigen Spektrum an Aktien bedienen, so dass Glück und Zufall in der Performance einzelner Fonds ein größeres Gewicht haben, als bei der deutschen Vergleichsgruppe. Somit ist auch unter Berücksichtigung der Standardabweichung in jeder der untersuchten sieben Dekaden ein Vorteil der deutschen blue chips festzustellen.
    Der in dieser kleinen Studie erkannte Renditevorteil der Anlage in deutsche Standardwerte ergibt sich m.E. auch daraus, dass über die aktienmarkttypischen Schwankungen hinaus, die internationale Anlage immer mit einem Währungsrisiko verbunden ist. Selbst bei der Anlage in den MSCI World ist neben dem Risiko der Aktieninvestition das Dollar-Risiko vorhanden. Somit ist aus meiner Sicht für den deutschen Anleger keine „reine“ Diversifizierung durch einen internationalen Aktienanteil möglich, sondern es tritt immer eine Mischung von Aktien- und Währungsrisiko auf.

    Die Theorie mag gegen die Studie sprechen, für den Anleger allerdings, der seine Rente aufbessern möchte oder das Studium seiner Kinder unterstützen will, für den wäre es in den sieben 10-Jahres-Zeiträumen immer besser gewesen in die international agierenden deutschen Großunternehmen zu investieren. Eine Diversifizierung des Portfolios sollte daher – bis zum Beweis des Gegenteils – für einen deutschen Anleger aus meiner Sicht aus einem Anteil eines replizierenden DAX- und MDAX-Indexfonds bestehen, aus festverzinslichen Wertpapieren (beste Schuldner, in Euro) und physischem Gold.

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